Vita Katryn Berlinger

(Text: JK)

Seit ihrer Schulzeit interessiert sich Katryn Berlinger für Geschichte. Einige Jahre lang durfte sie am letzten Tag vor den Sommerferien in ihrer Klasse eine selbst „gewebte“ Abenteuerstory vorlesen.

Sie liebt Bücher leidenschaftlich, so wie sie sich auch für die Schicksale von Menschen interessiert. Zu beobachten und zu sehen, wie jeder einzelne seinen Weg geht und seinen Sinn im Leben findet, daran nimmt sie großen Anteil.

Ihre Inspirationen sammelt sie überall im täglichen Leben. Wenn es daran geht, das Erlebte und Erfühlte in einem Buch zu verarbeiten, lebt Katryn Berlinger wie eine Auster, um die nötige Konzentration dafür zu haben, in die Haut der Figuren zu schlüpfen. Dabei fungieren Fakten und Begebenheiten wie eine Rutschbahn, auf der sie ins Reich der Phantasie gleitet. Natürlich hofft sie dabei stets, auch immer den Nerv der Leser/innen zu treffen.

Für diese Arbeit wird ein konsequent geführter Terminkalender benötigt, der daran erinnert, das es auch noch ein Leben bzw. eine Welt mit all seinen notwendigen Alltäglichkeiten gibt.

Bevor Katryn Berlinger jedoch ihrer Berufung zum Schreiben hundertprozentig nachgehen konnte, war sie mehrere Jahre lang Direktionsassistentin und hat im Anschluss daran Literatur- und Musikwissenschaft studiert. Mit dem Magister in der Tasche baute sie das Lektorat eines Schallplattenunternehmens in Hamburg auf.

Heute lebt und arbeitet sie in Norddeutschland, mit ihrer Familie.

Wenn noch Zeit für Hobby`s bleibt bzw. Freiräume nötig werden, dann kocht Katryn Berlinger gerne mit Freunden, entspannt sich bei guten Gesprächen, Handwerksarbeit oder Bergwandern.

Eure Jana

Bibliografie

Katryn Berlinger

Mit dem falschen Mann fing alles an; Econ Verlag; 1998
Villa Bernstein; Knaur Verlag; 2002
Das Schokoladenmädchen; Knaur Verlag, 2004
Die Champagnerfürstin; Knaur Verlag, 2005
Im Schatten der Olivenbäume; Knaur Verlag, 2006
Der Kuss des Schokoladenmädchens (Nicole)

Ina-Marie Cassens

Die Heilerin von Salerno; Knaur Verlag, 2007
Der Fluch der Heilerin; Knaur Verlag, 2008

Frage und Antwort

Wieso gerade historische Themen?

Schon als Kind hat mich Geschichte fasziniert – das ist sicher die Standardantwort aller Autoren „Historischer Romane“. Und das stimmt. Und für alle, denen es genau so geht, ist es einfach spannend, sich durch die Schichten überlieferten Materials in vergangene Zeiten durchzubohren. Wie lebten Menschen vor ein-, zwei-, siebenhundert Jahren? Welche äußeren Bedingungen beeinflussten ihre Gefühle, Sehnsüchte, Ängste? Ich denke, wir sind ihnen viel näher, als wir glauben. Diesem „Allzumenschlichen“ unter anderem Alltagsgewand nachzuspüren, ist aufregend, kommt meiner Entdeckerlust sehr entgegen.

Warum ein Pseudonym?

Weil der eigene Name selten schön klingt und ein neuer Name selbst dem Autoren hilft, in eine neue Haut zu schlüpfen. Natürlich legt ein Verlag viel Wert auf eine überzeugende Gestaltung von Büchern – dazu gehört ein Titel, der neugierig macht, ein schönes Cover und ein Name, der leicht zu merken ist. Oder würden Sie ein Buch kaufen, das eine Autorin namens „Gourmandine Hinkelspütz“ über die erste Frauenärztin des Abendlandes (Trota von Salerno) geschrieben hat? Ich habe da so meine Zweifel.

Wie lange benötigen Sie für ein Buch?

Da lenkt mich wohl mein ur-weibliches Gen: Von der Idee bis zum Manuskriptende dauert es neun Monate. Mit wenigen Vor-, Mittel- und Nachgeplänkeln, wie bei einer sehr leidenschaftlichen Beziehung eben … Denn jede neue Information inspiriert zu weiterem Nachforschen, jeder Gedanke weckt weitere Assoziationen. Es ist, als werfe man ein Bündel brennender Sturmfeuerzeuge aus einem fliegenden Ballon auf eine mit verfilzter Wolle umhüllte Erde – überall fächern Feuer auf, fressen sich hierhin und dorthin, und man schaut staunend auf das, was darunter zum Vorschein kommt.
Naja, es ist auch anders herum, dann gleicht der Schaffensprozess eher dem Weben eines komplizierten Teppichmusters.
Je nach Laune und Stimmung. Denn bei aller Disziplin, die für den Autoren notwendig ist, hängt vieles von den Launen der Figuren im Roman ab …

Was war das Faszinierende am Schokoladenmädchen?

Dazu hätte ich mehrere Antworten parat: An erster Stelle steht für mich das Bildnis von Jean-Etienne Liotard, das in Dresden hängt. Seine Schönheit, sein anmutiger Zauber, die künstlerisch überzeugende Gestaltung sind einfach meisterhaft. Ich habe oft vor dem Bild gestanden, mich seiner Wirkung überlassen. Bevor ich etwas über die Entstehung des Bildes erfuhr, hatte mich das Liotard`sche „Schokoladenmädchen“ längst schon zu weiteren Gedankenfäden inspiriert: Was hätte in vergangenen Jahrhunderten ein Mädchen tun können, das Schokolade liebte, zwar begabt, aber arm war? Ein dienendes Mädchen, ein Mädchen in ungünstigen Lebensverhältnissen? Ein Mädchen, das kaum mehr besaß als seine Schönheit, seinen Fleiß und Überlebenswillen?
Es sind zeitlose Fragen, natürlich. Aber mit ihnen verknüpfte ich meine Liebe zu Hamburg, der Zeit der größten Auswandererwellen im 19. Jahrhundert, dem Schicksal jener, die in Südamerika scheiterten. Rasch wob sich eines zum anderen: Die Reise führte weiter an der Ostseeküste entlang … bis nach Riga, dem „Paris des Nordens“. Und dort fing mich die Kultur der Deutschbalten wie auch die der Letten ein … Ich fand das alles recht spannend … Schließlich hörte mein zweites Ich (Ina-Marie Cassens) dort noch das Schwerterschlagen der Deutschordensritter. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich bin abgeschweift und muss schleunigst etwas nachholen: Ich verteidige hiermit die seelenbeschwingende Kraft der Schokolade! Ihr verdanke ich alles. Ich liebe Schokolade. Sehr sehr sehr.

Was würden Sie gerne mal an anderen Themen in Buchform bringen?

Das ist eine Frage! Das ist gerade so, als ob Sie im Zirkus sitzen und von jemandem gefragt werden, was der Zauberer wohl als nächstes aus seinem Zylinder ziehen wird ...
Ich plane nicht. Ich lebe. Ich lese. Ich schaue um mich. Ich träume. Bis es mich packt.
Im Übrigen arbeite ich gerade ganz intensiv an einem neuem Buch. Es spielt in Deutschland, im Norden, an der Ostsee – soviel sei verraten.
Natürlich habe ich so meine Wunschidee – aber dann wäre ich ja der Zauberer, der laut „Ara! Ara!“ schreit, bevor er seinen buntgefiederten Papagei aus dem Hut zerrt.

Ist eine eigene Homepage geplant?

Schön wäre es, ich komme nur nicht dazu. Homepages müssen gefüttert, gestaltet und auf dem Laufenden gehalten werden. Noch erlaubt es mir meine Zeit nicht, andererseits denke ich, gut vom Verlag vertreten zu sein – und die Bücher sollten für sich sprechen.

Was lesen Sie denn in der Freizeit so?

Außer dem Themenspezifischen, außer Sachbüchern, Fachaufsätzen, eben historisch Relevantem: alles, was mich sprachlich und erzählerisch anspricht, Romane, die psychologische Tiefe haben, gut „klingen“, einen guten, intelligenten Stil haben. Vor Monaten beeindruckten mich „Ein alter Traum von Liebe“ von Nuala O`Faolain, „Jesabel“ von Irène Némirovsky, „Was wir träumen, wenn wir lieben“ von Francine du Plessix Gray, „Vanitas oder Hofstätters Begierden“ von Evelyn Grill; im Moment lese ich „One Fifth Avenue“ von Candace Bushnell, „Meistererzählungen“ von Patricia Highsmith und – wenn noch Minuten übrigbleiben - „Das grüne Akkordeon“ von Annie Proulx. Wie gesagt, ich lese Belletristik „über Kreuz“, je nach Stimmung.

In welches Gebirge zieht es denn zum Bergwandern? In Norddeutschland ja nicht unbedingt zu verwirklichen.

Ja, Berge sind, wenn man nicht gerade nach Norwegen fährt, im Norden wirklich rar ::)) Mich zieht es nun einmal stets in den Süden. Erstens liebe ich die Küche, zweitens die Weine, drittens die Auf- und Abstiege in den Südtiroler Bergen. Hüttenwanderungen, mit dem (Schneckenhäuschen)Rucksack auf dem Buckel, mit Freunden, mit Mann, mit dem Gefühl, innerlich immer freier zu werden, sich auf den Atem zu konzentrieren, trotz Anstrengung durchzuhalten, die Schönheit der Berge, der Reiz zwischen großer Ruhe und Weite, der Achtsamkeit auf sich selbst, auf die Natur – all das macht für mich Erholung aus.

In welche historische Gestalt würden Sie einmal für einen Tag schlüpfen, wenn es ginge?

In keine. Aber die äußeren Verwandlungen würden mir Spaß machen.
Am Morgen, nach dem Aufstehen, würde ich ein rotes Wollkleid mit ärmellosem, grob leinenen Kittel anziehen (Mitte 15. Jhd.). Zur Mittagszeit hätte ich Lust, es gegen ein blassrosa Kleid mit hoch angesetzter Taille, gepufften Oberärmeln und besticktem Bordürensaum auszutauschen (Anfang 19. Jhd.). Nachmittags würde mich ein Peter-Pan-Kostüm reizen … und gegen Abend … ja, das ist schwer. Sehr schwer. Da stünde ich vor meinem unendlich langen Kleiderschrank voller Geschichte und wüsste nicht, was ich anziehen sollte. Ein drapiertes Gewand aus durchsichtigem weißen Leinen, wie eine altägyptische Priesterin? Ein bodenlanges, enges Brokatkleid mit hüfthohem Schlitz (zeitlos verrucht)? Ein graues Samtkleid mit Goldstickerei an Hals, Mieder und Rock, weiten Ärmeln mit schwarzen Aufschlägen (Mitte 16. Jhd.)?
Oder einen Stretchrock mit Pailletten, Chiffon-Top und Riemchensandalen?
Oder eine Jeans? Eine Jeans! Ja, natürlich, warum eigentlich nicht?
Jeans mit weißer Bluse? Hellblauer Weste? Sonnenblumgelbem Shirt? Kakaofarbenem Wickeltop? Bunter Tunika? Oder … Herrje nochmal! Was für eine schwierige Frage, Frau Krug!

Welche Wünsche haben Sie für die nächsten Jahre?

Ich möchte weiter schreiben können – ohne zu altern.
Ein Witz.
Nein, ich möchte älter werden, ohne dass ich aufhören muss schreibend zu träumen.
Mein Ernst.

Liebe Katryn Berlinger vielen Dank für das Interview.

Foto: © Katryn Berlinger

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