Vita Tanja Heitmann

Fragen und Antworten

mit Tanja Heitmann

(Text: KS)


Bitte stellen sie sich unseren Lesern kurz vor?

Meine Bio enthält wohl eins der wichtigsten Merkmale aller Autorenbiographien: Ich bin von klein auf an ein Büchernarr gewesen. Bis heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich an mein erstes, vom Taschengeld gekauftes Buch denke, an Michael Endes „Die Unendliche Geschichte“. Hier liegen wohl auch die Wurzeln dafür, dass sich in meinem Bücherregal fast nur fantastische Romane aneinanderreihen. Das Schöne an dieser Leidenschaft ist, dass sie mich nicht nur selbst zum Schreiben inspiriert hat, sondern mir auch zu meinem Broterwerb verholfen hat: Ich arbeite nämlich als Literaturagentin. Die Kehrseite der Medaille besteht darin, dass ich die meiste Zeit meines Lebens sitzend verbringe und kaum mitbekomme, wie das Wetter draußen ist.

Wie kamen sie zum Schreiben?

Sehr zögerlich, denn mein Literaturstudium hat sich eher als Hindernis erwiesen, da man sich dort ausschließlich mit großen Namen und Romanen beschäftigt. Meine eigenen Schreibversuche aus dieser Zeit habe ich deshalb eher verdrängt, und als ich neulich über ein paar alte Dateien mit Kurzgeschichten gestolpert bin, war ich ehrlich erstaunt. Doch wenn man in der Buchbranche arbeitet, erkennt man, dass es unglaublich viele verschiedene Arten von Romanen gibt und jede hat ihre Daseinsberechtigung. Nachdem ich also wieder etwas lockerer geworden bin, kam es mir plötzlich sehr verführerisch vor, die Art Roman zu schreiben, die ich schon immer am meisten geliebt habe: Etwas Fantastisches, mit einem Schlag ins Unheimliche.


Was ist das Schönste am Schreiben? Was das Schlimmste?

Am Schönsten ist es immer dann, wenn ich weiß, mir steht ein ganzer Nachmittag zur Verfügung und ich kann mich einfach in die Geschichte fallen lassen. Wenn man gar nicht mehr auf die Tastatur achtet und anschließend darüber staunt, wie sich eine Szene entwickelt hat. Böse wird es, wenn man eine Idee, aber keine Zeit hat. Es gibt nichts Frustrierenderes als aus dem Schreibprozess herausgerissen zu werden, und vorm inneren Auge zerbröckelt ein Dialog, von dem man ganz genau weiß, dass man ihn ein paar Stunden später so nicht mehr hinbekommen wird.


Was war Ihre Reaktion, als Sie erfahren haben, dass Ihr Buch verlegt werden wird bzw. als Sie das gebundene Buch in Ihren Händen hielten?

Wenn ich mir „Morgenrot“ anschaue, habe ich stets ein ganz seltsames Gefühl im Bauch, einfach weil es auch so ein schönes Buch geworden ist. Da muckelt man Stunde um Stunde vor sich hin, der Text ist eine Datei auf der Festplatte, den nur vier, fünf Leute gelesen haben, und plötzlich hält man ein Buch in den Händen, sieht es vielleicht sogar in der Lieblingsbuchhandlung ... das wird wohl noch ein paar Monate dauern, bis ich das alles verdaut habe.


„Morgenrot“ wird unter den Begriffen „All Age Fantasy“ oder „Young Adult Bücher“ geführt. Hatten sie eine „junge Erwachsene“ Leserschaft im Sinn, als sie „Morgenrot“ schrieben? Bzw. in welcher „Kategorie“ würde sie Morgenrot gerne sehen?

Für mich ist „Morgenrot“ ein Vollblut-Mystery-Roman: Er verbindet eine Liebesgeschichte mit Schauerelementen und Spannung. Eine Leserschaft hatte ich ehrlich gesagt kaum vor Augen und ich glaube, sie lässt sich auch schwer umreißen. Natürlich hoffe ich, dass jugendliche Leser sich für den Roman begeistern, aber ich würde nach oben hin keinen Deckel drauf machen wollen. Meine Heldin Lea ist eine berufstätige Frau, die schon einiges erlebt hat und leicht exzentrisch veranlagt ist ... und Adam ist auch nicht gerade ein Held, der es einem leicht macht. Um sich auf „Morgenrot“ einlassen zu können, muss man sicherlich eine Neigung fürs Ungewöhnliche mitbringen und sich eher für Romantik als fürs Romantische interessieren.

Der Heyne-Verlag schreibt, dass Ihr Buch für Stephenie-Meyer-Fans perfekt sei. "Morgenrot" hat allerdings relativ wenig mit "Twilight" zu tun. Stört Sie dieser Vergleich eher oder sind Sie stolz darauf? Hat Stephenie Meyer Sie beeinflusst?

Stephenie Meyer ist im Augenblick die bekannteste Vertreterin des Genres Mystery, durch ihren Erfolg ist es in Deutschland erst richtig populär geworden. Für den Handel ist dieser Hinweis auf dem Buchumschlag von „Morgenrot“ also nützlich, denn damit weiß man sofort, womit man es zu tun hat. Für die Leserschaft kann es natürlich verwirrend sein, besonders wenn sie sich eine Art „Twilight“-Roman erhofft.
Ich liebe Vampirgeschichten aller Couleur, hierin ähnele ich meiner Heldin Lea, die als Jugendliche Horror-Romane verschlungen hat. Doch all diese vielen Vampirromane stehen zurzeit in dem großen Schatten, den Stephenie Meyers wirft. Allerdings bin ihr dankbar dafür, weil sie mit ihren Romanen eine Bresche in den Buchwald geschlagen hat und die Verlage nicht länger müde abwinken, wenn sie das Wort Vampir hören.


Woher kam die Idee zu "Morgenrot"?


Mein Held Adam hat sich quasi selbst eingeladen: Während einer eintönigen Autofahrt nahm er plötzlich Gestalt an und ich konnte nur noch auf die Repeat-Taste meines CD-Players drücken, weil ich Angst hatte, dass sich mit dem nächsten Song die Figur wieder in Luft auflösen würde. Der Song hieß übrigens „Pure Morning“, so lautete dann auch der Arbeitstitel des Romans. Als ich mich dann ans Aufschreiben gemacht habe, hatte ich nicht mehr als mein Liebespaar und das Wissen, dass Lea in Adam leidenschaftlich verliebt ist und sich zugleich vor ihm fürchtet. Ab da hat sich die Geschichte Seite für Seite weitergesponnen.


Im Buch habe ich nach einem Hinweis gesucht, wo Lea ihr Auslandssemester verbringt, aber keinen gefunden. Ich tippe auf eines der ehemaligen Sowjetländer. Gibt es Gründe, warum Sie sich da so geheimnisvoll bedeckt gehalten haben?

Die Schauplätze in „Morgenrot“ sind alle erdacht, zum einen weil ich ganz bestimmte Vorstellungen von ihnen im Kopf habe, die ich nicht an einen realen Ort festmachen will. Zum anderen haben die Leser oft ein festes Bild im Kopf, wenn sie erst einmal eine Ortsbezeichnung hören. Dass ich hierzu Leerstellen einbaue, ist eine Einladung an die Leser, ihre Fantasie zu benutzen.
Was die erste Etappe des Romans betrifft, so spielt sie in Osteuropa, ich selbst hatte eine Collage aus einigen Städten im Kopf, die ich selbst bereist habe oder von denen Freunde mir berichtet haben. Wenn Lea also regelmäßig im Dunkel sitzt, weil die Stromversorgung zusammenbricht, so verbringt sich dahinter die Erfahrung einer Freundin, die sie tatsächlich während eines Auslandsstudiums im „Wilden Osten“ gemacht hat.


Professor Carrière ist ja 123 Jahre alt, aber von den anderen Personen erfahren wir das Alter nicht. Was als alt angesehen wird, ist von Vampirbuch zu Vampirbuch verschieden. In einigen Büchern gilt 2000 als extrem alt, in anderen bereits 400-500 Jahre. Wie ist es in der Welt von "Morgenrot"? Und - wie alt ist Adam?

Das Alter eines Vampirs ist in den meisten Romanen ja immer dann von Bedeutung, wenn er aus den verlebten Jahren Macht bezieht oder ein unendliches Leben in Dunkelheit ein Thema ist. Beides ist für meinen Helden Adam eher unwichtig, über seine Vergangenheit schweigt er sich konsequent aus. Seine einzige Sorge ist Leas Sterblichkeit, die er trotz seiner Liebe zu ihr akzeptiert, da er den Preis des Dämons, den er für die Unsterblichkeit verlangt, für zu hoch hält. Insgesamt leben meine Vampire sehr in der Gegenwart, selbst Pi, von dem angedeutet wird, dass er einige Jahrhunderte alt sei. Allerdings gibt es auch ein unseliges Beispiel für einen Vampir, der an seiner Unsterblichkeit zerbricht: In Agathas Geist wirbeln Vergangenheit und Gegenwart durcheinander – sie existiert zwar, lebt aber nicht.

Was ist Ihre Lieblingsfigur? Im Dankeswort erwähnen Sie Ihre Freundin, die strahlende Augen bekam, wenn von Adam die Rede war. Sind Sie auch ein wenig in Adam verliebt?

Das ist eine spannende Frage: Kann sich eine Autorin in ihren eigenen Helden verlieben? Dafür kennt sie ihn eigentlich zu gut. Ehrlich gesagt bin ich überrascht und glücklich zugleich, dass viele Leserinnen Adam trotz seiner dunklen Seite anziehend finden. Dass meine Freundin mich hier gleich von Anfang an bestärkt hat, war mir eine große Hilfe, denn Adam ist ja alles andere als ein Mann, der es einer Frau einfach macht. Da muss man schon so beharrlich und stark wie Lea sein, um seinem Widerstand zum Trotz einen Platz in seinem Leben zu finden. Ich persönlich würde ihm lieber nicht über den Weg laufen, dafür ist er mir zu unberechenbar.


Ein weiterer Roman ist angekündigt. Werden wir in einem zweiten Teil den Figuren aus "Morgenrot" wieder begegnen oder spielt der Folgeband lediglich in der gleichen Welt?

„Morgenrot“ ist der Auftakt zu einer drei Bände umfassenden „Dämonen“-Reihe. Das nächste Buch, das im Herbst 2009 erscheinen wird, wird eine neue Geschichte über ein anderes Paar erzählen, und auch der Dämon wird nicht in Vampirgestalt auftreten. Das Thema ist immer die Zerrissenheit eines Helden, der sich mit seiner dämonischen Seite auseinandersetzen muss.
Andererseits habe ich das Gefühl, mit „Morgenrot“ noch nicht alles erzählt zu haben, vor allem, weil ich Adams Lebensgeschichte im Hinterkopf habe, über die er sich ja bislang ausgeschwiegen hat. Es wäre schon spannend zu beschreiben, wie Adam zu dem Mann geworden ist, in den Lea sich so stürmisch verliebt und der sich ihr trotzdem immer wieder zu entziehen droht. Es ist auch schwer, sich von Figuren zu trennen, die einem nach fast 500 Buchseiten immer noch sehr lebendig vor Augen stehen.


Viele Autoren sind auch begeisterte Leser. Gilt das auch für sie und was lesen sie im Moment?

Ich würde mich auf jeden Fall als leidenschaftliche Leserin bezeichnen, jemand, für den es unverzichtbar ist, regelmäßig in Geschichten aufzugehen. Obwohl ich schon einige Bücher verschlungen habe – und einige davon mehrmals -, erlebe ich bis heute dieses aufgeregte Kribbeln, wenn ich einen Roman in Händen halte, der mir etwas Besonders zu sein scheint. Ich fühle mich dann wie eine Schatzjägerin. Dabei lese ich gern in verschiedene Richtungen: Science Fiction, epische und urbane Fantasy, paranormale Thriller ... mein Bücheregal ist wirklich bunt bestückt. Deshalb komme ich auch jedes Mal ins Schleudern, wenn ich nach meinen Lieblingsromanen gefragt werde – unmöglich, dass zu beantworten.
Im Augenblick lese ich einen neuen Mercy Thompson-Roman von Patricia Briggs und „Die Glasbücher“ von Gordon Dahlquist. Richtig neugierig bin ich auf „Der Name des Windes“ von Patrick Rothfuss. Übrigens liebe ich Buchempfehlungen, anderen beim Schwärmen zuzuhören, ist fast genau so schön, wie selbst zu lesen.

Schöne Grüße aus dem trüben Stelingen,
Tanja Heitmann


Wir bedanken und herzlich bei Tanja Heitmann für das nette Interview.

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