Lesetagebuch - Die Maurin

(Text: KaRo)

Wildfee's Lesetagebuch


Ich halte das nigelnagelneue Buch von Lea Korte in den Händen und bin schon recht gespannt. Normalerweise lese ich eher selten reine historische Romane, vor allem weil ich recht anspruchsvoll bin, was historische Detailgenauigkeit angeht.

Bei Lea Korte bin ich mir aber relativ sicher, in dieser Hinsicht nicht enttäuscht zu werden, da mir ihr Roman "Die Nonne mit dem Schwert" schon recht gut gefallen hat. Die äußere Aufmachung gefällt mir gut und beim Blick in das Innenleben stelle ich erfreut fest, dass es eine Liste der Charaktere gibt, Stammbäume der Herrscherfamilien, einen Glossar und Literaturangaben. Das sind für mich schon mal große Pluspunkte, es wirft allerdings auch die Frage auf, warum nicht auch eine historische Karte hinzugefügt wurde. Ich als geographisch nicht so bewanderte Leserin, orientiere mich gern an Karten, wenn ich nicht genau vor Augen habe, in welcher Gegend ein Roman spielt.

Der Klappentext spricht mich eindeutig an, weil er eine Historie anspricht, über die ich bisher nicht viel gelesen habe, weder als historischen Roman noch als Sachbuch. Ich bin gespannt auf die Charaktere und die Story.

1. Teil Kapitel 1-4

Hmm….die Story an sich finde ich recht interessant. Der historische Zeitraum und die Örtlichkeiten sind meines Wissens nach nicht oft der Stoff für einen historischen Roman und daher mal etwas Besonderes. Man merkt zwischen den Zeilen, an den vielen kleinen Details, dass hier sehr intensiv recherchiert wurde und die Atmosphäre ist stimmig.
Ein wenig stolpere ich allerdings über die Dialoge. Ich empfinde sie stellenweise ein wenig holprig und Zahra ist vielleicht ein wenig zu emanzipiert, aber das ist ja nun reine Geschmackssache.

2. Teil Kapitel 1-5

Obwohl mir die Charaktere sympathisch sind und gut beschrieben, hadere ich doch ein wenig mit ihnen.
Zumindest dann, wenn man den Gedanken voranstellt: "So könnte es gewesen sein und so könnten die Personen tatsächlich gehandelt haben"
Eigentlich empfinde ich sämtliche Figuren als viel zu modern in ihrer Ausdrucksweise und ich bezweifele, das sie so gehandelt und geredet hätten.
Möglicherweise liegt das an meiner Vorstellung, die ich von dieser Epoche habe. Ich habe im Kopf, das die Menschen sehr viel stärker um das Überleben kämpfen mussten, das das Leben sehr viel mühseliger war als im Roman dargestellt und dass die Menschen beider Religionen sehr stark religiös waren. Mir fehlt ein wenig der Schmutz, der Dreck, die Beschreibung der alltäglichen Lebensumstände.

Andererseits gab und gibt es meiner Ansicht nach viel zu viele Frauen, die sich der Umstände wegen alles gefallen lassen und nicht gegen die Konventionen aufbegehren (unabhängig von kulturellem Hintergrund und Religion).
Von daher lasse ich mich letztendlich dann doch auf diese fiktiven, sturen und tendenziell eher unglaubwürdigen Charaktere ein, weil sie so sind, wie viele Frauen (und Männer) eigentlich auch heute sein sollten ;-)

2. Teil Kapitel 6-10

Mit diesem Teil kann ich mich so gar nicht anfreunden, weil es mir zu klischeehaft ist: Frau verkleidet sich als Mann und wird von niemandem enttarnt.
Dass Zahra nach vier Jahren nicht von Gonzales erkannt wird, ist nachvollziehbar, aber alles andere kann ich dagegen nur schwer schlucken.
Es bleibt dabei: Ich kann die Handlungen der Figuren nur sehr schwer mit dem historischen Umfeld in Einklang bringen.
Ich hätte beispielsweise eher erwartet, dass Zahra ohne viel Federlesen verheiratet wird (wenn sie denn nicht schon längst vom Bruder oder vom Vater getötet worden wäre), nach den Eskapaden, die sie sich leisten konnte.
Ich habe dabei möglicherweise auch ein falsches Bild im Kopf: Ich habe die Vorstellung, das muslimische Frauen zu dieser Zeit (und leider auch in der Moderne) außerhalb des Hauses nur wenige Freiheiten haben, zumindest als junge Frau nicht allein unterwegs sind und dass die Familienehre über allem steht.
Sympathisch sind mir die Charaktere aber durchaus ;)
Die Schilderungen der Kämpfe und der politischen Intrigen finde ich zudem recht glaubhaft und überzeugend.

Teil 2 Kapitel 11-17

Hier schüttele ich wieder den Kopf über die Handlungen der jungen Frauen. Dass Hayat mit Miguel flieht, ist ja nachvollziehbar, aber das Zahra alleine aufbricht um ihren Bruder aufgrund einer Vision zu retten, ist eigentlich undenkbar.
Trotzdem kann ich das Buch nicht aus der Hand legen, der Stil ist sehr mitreißend und die Story an sich interessant genug, um am Ball zu bleiben.

Teil 3 Kapitel 1-7

Hmmm..ich weis nicht so recht, was ich von der Liebesgeschichte zwischen Jaime und Zahra halten soll.
Mir ist er vorher im Roman nicht besonders sympathisch gewesen und dass er Zahra praktisch wortlos verführt, bringt ihm auch keine Pluspunkte ein.
Ich kann nachvollziehen, das Zahra Schmetterlinge im Bauch hat und verliebt ist und ständig nach ihm schaut, die Beschreibung ihrer Schwärmerei finde ich richtig süß, aber mir ist schleierhaft, warum Jaime sich verliebt.
Er ist ja um einiges älter als Zahra und sollte über diese Art der Schwärmerei doch hinaus sein, oder?
Mir fehlen da ein wenig die Gespräche zwischen beiden, das gegenseitige Kennenlernen.

Zahras Kerkerhaft (und eigentlich den ganzen Roman) finde ich in der Hinsicht interessant, da nur sehr wenig von Dreck, Ungeziefer und Gerüchen die Rede ist.
Mir ist der Roman dadurch fast zu "sauber" Mir fehlt der Kontrast zwischen der Badehauskultur der Muslime und der daraus entstehenden Hygiene und den quasi kaum vorhandenen Waschgewohnheiten der Christen.
Oder habe ich das falsch in Erinnerung und die Christen haben zu dem im Roman geschilderten Zeitraum die Badekultur der Muslime schon übernommen?

Ich bin nach wie vor gespalten in meiner Meinung.
Einerseits finde ich die historischen Fakten sehr interessant und spannend zu einem Roman verarbeitet, andererseits habe ich meine Probleme mit den Charakteren.
Nicht, dass sie mir nicht sympathisch wären oder nicht bildhaft genug, nein mich stört eher die Ausdrucksweise und die relative Modernität der Figuren.
Ich wäre denke ich, nicht so gespalten, wenn es ein historischer Liebesroman wäre (da setze ich die Latte von vorne herein schlichtweg viel weiter runter).
Für einen historischen Liebesroman ist die Handlung aber wiederum zu komplex und es gibt zu wenige Liebes- und Herzschmerzszenen.
Hach, mit meinem Geschmack ist das aber auch schwierig…

Teil 4 Kapitel 1-7 und Epilog

Erst in diesem Teil wird mir Jaime richtig sympathisch
Man fiebert mit den beiden mit, wenn sie wieder einen Ort verlassen müssen und wünscht ihnen einen Ort an dem sie leben können. Dass beide nicht heiraten oder zum Glauben des Anderen überwechseln, finde ich dabei nur konsequent.
Der Schluss ist zwar kein typisches Happy End, aber für einen historischen Roman genau richtig: Die Geschichte der beiden ist grundlegend erzählt, nur der Ort an dem sie ihr Leben weiterführen werden, ändert sich. Das lässt zwar Raum für eine Fortsetzung, ist aber nicht zwingend erforderlich.

Mein Fazit: wenn ich den Roman als guten historischen Liebesroman mit relativ wenig Liebes- und Erotikszenen lese, ist er absolut TOP, als historischer Roman gelesen immer noch sehr gut, allerdings fehlt mir doch das Tüpfelchen auf dem „i“.

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