Vita Claudia Toman


(Vita Quelle: Random House / Interview: SG)


Claudia Toman, geboren 1978 in Wien, arbeitete als Inspizientin, Regieassistentin, Regisseurin und Librettistin in Wien, Tokyo und Tel Aviv. Sie publizierte Kurzgeschichten und Lyrik in verschiedenen Anthologien, bevor sie mit „Hexendreimaldrei“ ihren ersten Roman schrieb. Claudia Toman lebt in Wien, sie arbeitet bereits an ihrem zweiten Roman um ihre Heldin Olivia und deren Begegnungen mit der Welt des Magischen.

Homepage der Autorin Claudia Toman

Frage und Antwort

In Ihrem aktuellen Buch „Hexendreimaldrei“ vermischen Sie Elemente eines Frauenromans, eines Märchens und auch von Klassikern bzw. der Weltliteratur so, dass ein außergewöhnliches Buch daraus entstanden ist. Wie kamen Sie auf die Idee, das alles zu vermischen und war die Ausarbeitung schwierig?

All das zu vermischen kam für mich ganz natürlich, weil es sich um Dinge handelt, die mich selbst interessieren und mit denen ich mich folglich viel beschäftigt habe. Es war weniger ein geplanter Vorgang oder eine bewusste Kreuzung, sondern mehr so wie wenn man eine Handtasche ausleert, die man lange Zeit mit sich herumgeschleppt hat. Da findet sich auch die Eintrittskarte zur Kunstausstellung neben dem pinken Lipgloss, dem Abholschein für die Urlaubsfotos und dem zerquetschten Müsliriegel. Was man eben so ansammelt im Kopf oder in der Tasche. Insofern, nein, die Ausarbeitung war gar nicht schwierig, schwierig war vielleicht der Prozess, erst einmal Ordnung hinein zu bringen, aber sobald ich einen Handlungsfaden hatte, kamen die Knoten ganz von selbst.


Wie kommen Ihnen generell die Ideen zu Ihren Büchern?

Meistens völlig spontan. Ich sehe etwas, lese etwas oder jemand erzählt mir etwas, und ganz plötzlich klickt ein innerer Fotoapparat, und ich sehe ein klares Bild vor mir. Mittlerweile habe ich gelernt, mehr davon zu behalten, ich denke stärker in potentiellen Stoffen, mache mir regelmäßiger Notizen, aber der Ideenfunke, der entsteht im Alltag, unberechenbar und hartnäckig.


Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Talent für das Schreiben haben?

Sobald wir in der Schule Aufsätze zu schreiben hatten. Meine verschiedenen Deutschlehrerinnen zumindest waren sich in diesem Punkt einig. Ich selbst habe daran lange nichts Außergewöhnliches feststellen können, für mich war das absolut natürlich, so wie essen, trinken und schlafen. Wenn man mir ein Bild gegeben hat oder eine Fragestellung, habe ich mir dazu eine Geschichte ausgedacht und dachte, dass das die einfachste Sache der Welt ist. Für mich war es ein Bedürfnis, eine unumgängliche Notwendigkeit, mein Kopf hat permanent Geschichten ausgespuckt wie so ein altmodisches Faxgerät. Endlose innere Papierbögen könnte man sagen.


Sie schreiben auch Lyrik. Ich finde, das merkt man Ihrem Schreibstil im Roman auch an, da Sie oft für einen Roman außergewöhnliche Bilder verwenden und einen locker-leichten, manchmal fast schon schwebenden Schreibstil haben. Ihre verschiedenen Schreibtätigkeiten üben gegenseitig Einfluss aus, „befruchten“ einander, oder?

Das ist durchaus möglich. Lyrik ist für mich skizzieren. Worte finden für die kleinste Sache, für ein Detail, einen Schattenwurf, ein bestimmtes Gefühl. Es zwingt einen, das Besondere in jeder Kleinigkeit zu finden und herauszuarbeiten. Ich habe mich zeitweise auch mit Haikus beschäftigt, einer noch mal konzentrierteren Form. Wenn ich nur siebzehn Silben zur Verfügung habe, um einen Duft zu beschreiben, dann muss ich mich mit dem Duft auseinandersetzen und wissen, was die Essenz ist. Ich denke schon, dass solche Überlegungen dann auch beim Romanschreiben einfließen. Jede Situation kann man mit verschiedensten Bildern schildern und so immer einzigartig gestalten.


Zudem haben Sie auch schon Kurzgeschichten geschrieben, als Inspizientin, Liberettistin und Regisseurin gearbeitet, was mich zu der Frage führt, ob Sie eine Lieblingstätigkeit haben oder ob gerade der Mix den Reiz ausmacht.

Die Lieblingstätigkeit ist schon das Schreiben, weil es mein Bedürfnis nach Geschichten so ganz und gar erfüllt. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich mir aber auch nicht vorstellen nur zu schreiben, weil gerade das Theater für mich eine Methode ist, unter Menschen zu kommen, mit Menschen zu arbeiten, zu kommunizieren. So sammelt man auch Ideen, was gerade ein Ort mit so vielfältigen Arbeitsgebieten begünstigt. Inspizienz ist zudem eine hochinteressante Tätigkeit, weil man den Ablauf einer ganzen Vorstellung unmittelbar in den Fingern hat und ein kleiner Fehler große Auswirkungen hat. Und die Oper ist so eine faszinierende Kunstform, dass es immer ein großer Wunsch von mir sein wird, meine Texte mit Musik auf einer ganz neuen Ebene zu erleben. Ich würde schon sagen, dass all das ein Mix ist, der mein Leben bereichert.

Magische Romane und auch Fantasy Romance erleben seit einiger Zeit einen ziemlich großen Boom - woran liegt das Ihrer Meinung nach? Eine Modewelle, die Sehnsucht vieler Menschen nach „Magie“ oder einfach Flucht aus dem Alltag?

Ich glaube nicht, dass das eine Modewelle ist. Dieses Genre hat immer eine große Fangemeinde gehabt, und natürlich liegt das daran, dass Magie eine ewige Liebe der Menschen ist. Wer möchte nicht zaubern können oder Fähigkeiten besitzen, die andere nicht haben? Alleine dieser Punkt bietet einen unendlichen Fundus an Geschichten, deren Wurzeln in den ältesten Sagen und Volksmärchen liegen. Übernatürliches begleitet den Menschen seit seinen Anfängen. Hexen und Vampire hatten immer einen literarisch hohen Stellenwert, Frau Rowling oder Frau Meyer haben das nicht erfunden, nur eben sehr originell und kunstvoll umgesetzt. Was ich aber schon glaube ist, dass diese Modebücher einen neuen Lesetrend unter Jugendlichen ausgelöst haben, was extrem positiv ist, zumal die Konkurrenz durch Fernsehen und Internet ja sehr groß ist. Aber auch das ist nicht neu, es gab immer solche Buchserien, die die aktuellen Sehnsüchte der Jugendlichen erfüllt haben. Früher eben Trotzkopf und heute Bella&Edward.


Wie würden Sie sich selbst beschreiben? Welche Charaktereigenschaften sind typisch für Sie?


Das ist immer die tückischste Frage. :-) Ein guter Freund hat erst gestern zu mir gesagt: Du bist eigentlich voll ok! Ich finde, das ist das schönste Kompliment, das man bekommen kann. Wenn es darum geht, was ich selbst für meine Schwächen halte, dann würde ich sagen, dass ich viel zu ungeduldig bin, eine Alltagschaotin, oft stinkfaul, manchmal ziemlich intolerant und unerträglich schüchtern. An allen Punkten arbeite ich mit Konsequenz, aber das ist eher langwierig. Ich bin auch sehr radikal im Umgang mit Menschen. Wenn ich jemanden mag, dann kann man alles von mir haben, dann bin ich selbstzerstörerisch loyal und liebe nichts mehr als zu schenken, zu unterstützen, Freude zu bereiten. Wenn ich jemanden nicht mag, merkt man mir das schon von weitem an, ich kann mich sehr schlecht verstellen und habe mir damit schon tiefe Fleischwunden und heftige Auseinandersetzungen eingefangen.


Was war die beste Entscheidung Ihres Lebens?

So seltsam das klingt, die beste Entscheidung meines Lebens war, vor etwa einem Jahr mit der falschen Straßenbahn gefahren zu sein, viele Stationen lang. Die Auswirkungen unserer Entscheidungen zeigen sich ja manchmal erst viel später und ich denke, in ein paar Jahren werde ich für diese Entscheidung ewig dankbar sein. Denn die wirklich großen Dinge und großen Ideen begegnen uns meist völlig unerwartet, treffen uns unvorbereitet und verändern uns nachhaltig.


Lesen Sie persönlich auch gerne? Wenn ja, welche Genres mögen Sie und haben Sie Lieblingsautoren?

Ich lese leidenschaftlich gerne, immer schon. Dabei habe ich fast alles gelesen, was ich zwischen die Finger bekommen habe. Meine Vorlieben hängen weniger vom Genre ab, ich mag gut geschriebene Bücher und die gibt es in jedem Genre. Mein Held von Kindheit an war Stephen King, meine Oma hatte alle seine Bücher, und ich habe mit 11, 12 schon jede Menge Horrorromane gelesen. Es gibt keinen, der Spannung so genial aufbauen kann. Tolkien natürlich auch, Herr der Ringe war eine Art Bibel für mich und später war ich auch unter denjenigen, die sich um Mitternacht für den neuen Harry Potter angestellt haben. Andere Lieblinge von mir sind die Krimis von Elizabeth George, die skurrilen Romane von Haruki Murakami, Patrick Süskind, Hermann Hesse, Walter Moers, von den neueren Fantasyschreibern Neil Gaiman und Patrick Rothfuss und natürlich die Klassiker der Frauenliteratur wie Fielding, Keyes oder Gier.


Haben Sie spezielle Schreibgewohnheiten? Wenn ja, welche (PC/per Hand, bestimmte Tageszeiten und/oder Orte)?

Ich schreibe fast alles am Computer, außer Lyrik, die entsteht ab und zu noch per Hand oder als Notiz im Handy. Ich habe festgestellt, dass ich in Cafés am besten arbeite und so verreise ich so oft ich kann, laufe durch Städte, recherchiere Schauplätze und werfe mich dann mit großen Mengen Tee mit Milch am Liebsten in ein gemütliches Starbucks Sofa oder einen schattigen Platz mit Aussicht auf einem belebten Platz. Abends ist das für gewöhnlich fruchtbarer, aber ich bin nicht an bestimmte Zeiten gebunden. Es hilft jedoch wirklich mit dem Computer unterm Arm ins Café zu gehen wie andere in die Arbeit.


Wie können wir uns einen typischen Claudia-Toman-Tag vorstellen?


Wenn es den gäbe! Mein Leben bringt es mit sich, dass eigentlich jeder Tag anders ist. Meine Arbeit in der Oper ist sehr unregelmäßig, mal gibt es Proben, mal Vorstellungen, mal nichts, ich pendle mit meiner Katze zwischen meiner Stadtwohnung in Wien und dem Haus meines Vaters außerhalb, ich reise so oft ich kann und verfüge daher über keinen „Tagesablauf“ im herkömmlichen Sinn. Aber wenn es mir gegönnt ist, stehe ich gerne spät auf, lese die Zeitung beim Frühstück, setze mich dann mit dem Computer gemütlich in den Garten oder aufs Sofa, treffe mich zum Mittagessen mit Freunden zum Sushi oder auf einen Chai Tea Latte im Starbucks, gehe Abends ins Theater, ins Kino und schreibe dann bis ein, zwei Uhr Früh. Aber das ist mehr so ein Idealzustand als die Realität. ;-)


Im Frühjahr 2010 wird Ihr zweiter Roman bei Diana erscheinen. Olivia soll wieder die Protagonistin sein. Verraten Sie unseren Lesern ein klein wenig darüber, welches Abenteuer sie in dieser Geschichte erlebt?

Olivia verschlägt es diesmal in ein Bergdorf und einen dunklen Wald. Ich habe mich im zweiten Buch mit Rotkäppchen beschäftigt. Der Froschkönig ist ja eine Love-Story, das Rotkäppchen dagegen ein Krimi, daher hat das Abenteuer diesmal sehr präsente Krimielemente, die auf alte Sagen aus den nordischen Mythen treffen. Also wieder eine wilde Kombination, die ungeheuer viel Spaß gemacht hat. Natürlich ist es auch wieder ein Frauenroman, weil Olivia einfach eine Frauenromanfigur ist und auch das Thema Hexen spielt eine Rolle. Ich möchte sehr gerne den Lesern die Angst vor „Genres“ nehmen, denn eine gute Geschichte funktioniert als Geschichte immer, daher schreibe ich keine Romane für Leser eines bestimmten Genres, sondern einfach für Leser.


Dass die Erfüllung von Wünschen auch unberechenbar sein kann, zeigen Sie uns deutlich in Ihrem Roman. Trotzdem: Wenn Sie die berühmten drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich dann wünschen?

Mittlerweile? „Unendliche Schönheit, Reichtum und eine geräumige Wohnung mitten in London!“ Nein, im Ernst, ich bin zurzeit wirklich sehr zufrieden und würde die Fee vermutlich bitten, nächstes Jahr wieder vorbei zu schauen. Das heißt, außer sie hätte doch noch so einen von diesen handlichen Prinzen auf einem prachtvollen Schimmel im Angebot, den täte ich schon nehmen, wenn es denn unbedingt sein müsste. ;-)


Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg beim Schreiben!
Mögen Ihnen die Musen weiterhin gewogen sein!


Quellennachweis

Photo Claudia Toman: © Lois Lammerhuber

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