Vita Dagmar Trodler

Dagmar Trodler, 1965 in Düren/Rheinland geboren, arbeitete als Krankenschwester und studierte dann Geschichte und skandinavische Philologie in Saarbrücken, Aachen und Köln. Die Autorin lebt in Island. (Quelle: Randomhouse.de)

Frage und Antwort

(Interview: NG)

Liebe Frau Trodler, erst einmal recht herzlichen Dank, dass Sie uns für Happy End Bücher.de einige Fragen über Ihre Person, ihr neues Buch und ihren Schriftstelleralltag verraten möchten.

Bitte erzählen Sie doch unseren Lesern zunächst ein wenig über sich. Woher kommen Sie, haben Sie Hobbys und vor allem, wollten Sie immer schon Romanautorin werden?

Ich bin im rheinischen Düren geboren und aufgewachsen, habe aber später in Aachen und Saarbrücken gelebt und dort auch studiert. Nach dem Abitur bin ich Krankenschwester geworden und hab mich ein paar Jahre später entschlossen Geschichte zu studieren. Während des Studiums ist mir die Geschichte zu meinem ersten Roman eingefallen und ich hab sie aufgeschrieben. Damit ich meine Recherche ausdehnen konnte, studierte ich kurzerhand noch Skandinavistik und lernte isländisch und schwedisch. Die meisten Fachbücher waren nämlich nicht übersetzt.
Das Schreiben ist schon immer Teil meines Lebens gewesen, ich hab als Kind wilde Geschichten geschrieben – aber dass eines Tages daraus echte Bücher entstehen würden, das hätte ich mir nie träumen lassen.

Meine Freizeit verbringe ich vor allem draußen - ich liebe Pferde und mein Islandpferd Odin teilt seit fast 10 Jahren mein Leben. Ich finde Pflanzen spannend, Gartenarbeit macht mir großen Spaß, und ich wandere gerne. Und neuerdings hab ich das Stricken angefangen - dem kann man im strickbegeisterten Island kaum entgehen.


Ich habe auf Ihrer Webseite gelesen, dass Sie Skandinavik studiert haben. Auch ihre ersten Romane "Die Waldgräfin", "Freyas Töchter" und "Die Tage des Raben"; haben einen Bezug zu Skandinavien, denn Erik der Held Ihrer Erstlingswerke, ist ein Wikinger.
Kann man also behaupten, dass Sie ein besonderes Faible für Skandinavien haben? Und wenn das so sein sollte, bezieht sich das nur auf die Geschichte, Land & Leute, oder könnten Sie sich auch vorstellen, dort zu leben?

Woher der starke Bezug zu Skandinavien kommt, weiß ich nicht, meine Familie hat den nicht, es gibt keine Verwandten dort, es gab nie Urlaube … aber irgendwas muss da sein, denn heute lebe ich ja zum größten Teil in Island und fühle mich hier sehr wohl.
Als Kind hatte ich das Poster aus einer Kinderzeitschrift über meinem Bett hängen - ein Mädchen steht an einer Schiffsreling, rechts und links türmen sich hohe Berge - und obendrüber stand zu lesen "Wer will mit uns nach Island gehn?"
Vergangenes Jahr füllte sich das Bild unerwartet mit Leben: ich stand an der Schiffreling der Norroena, rechts und links türmten sich hohe Berge - Island.


Sie schreiben in Ihrer Vita, sie hätten bereits im zarten Alter von 6 1/2 Jahren einen Roman geschrieben, der in direkter Konkurrenz zu Enid Blytons Büchern stand. ;-)
Das bringt mich zu meiner nächsten Frage- welche Jugendbücher haben Dagmar Trodler fasziniert und inspiriert? Eher Detektivromane a la Fünf Freunde oder Mädchenbücher wie Dolly und Hanni und Nanni? Und könnten Sie sich vorstellen auch einmal ein Jugendbuch zu schreiben?

Kinderbücher - oh, da gibt es viele, die ich heute noch auswendig kann.
"Dick und Dalli und die Ponys" von Ursula Bruns war unsere "Bibel" und legte den Grundstein für den Traum vom eigenen Pferd, der für mich erst mit Mitte 30 in Erfüllung ging. Ich habe mir mein Pferd vom Honorar der "Waldgräfin" gekauft.
Sämtliche Hanni-und-Nanni-Geschichten, Dolly, sämtliche Fünf-Freunde-Geschichten, Karl May, aber auch Burg Schreckenstein - ich hab quer Beet damals alles gelesen, was mir in die Finger kam, sehr zum Ärger meiner Mutter.
Aber selber ein Jugendbuch schreiben - das würde ich nicht versuchen, da gibt es Autoren die die Sprache weitaus besser beherrschen.


Ihr neuer Roman, der im Januar 2011 bei Blanvalet erscheinen wird, trägt den Titel "Die Stunde der Seherin" und führt seine Leser diesmal ins Schottland des 11. Jahrhunderts. Gerade bei historischen Romanen finde ich es immer sehr bemerkenswert wie akribisch genau und bildhaft manche Autoren, vergangene Zeiten und Orte beschreiben können, damit diese sich vor dem geistigen Auge der Leser entfalten vermögen.
Wie schwer ist es, an brauchbare Informationen und historische Hintergründe zu kommen, die man für seinen Roman verwenden möchte? Ich könnte mir vorstellen, dass es sicherlich nicht ganz so einfach ist, wenn man als Beispiel die Wikinger nimmt, denn diese Zeit liegt ja doch lange zurück und Aufzeichnungen darüber werden nur noch spärlich existieren, oder?

Recherche ist ein spannendes Thema. Je nachdem welche Zeit man sich sucht, sind die Informationen rar. Bei den Wikingern ist es so, dass sie selber kaum schriftliche Zeugnisse hinterlassen haben. Man muss sich also ein Bild aus archäologischen Funden und aus den Schriften der Mönche zurechtzimmern, und die Archäologen warten immer wieder mit neuen Erkenntnissen auf.
Andere Kulturkreise sind weitaus besser erforscht. Das Internet bietet heute eine Vielzahl brauchbarer Informationen, sodass man nicht mehr allein auf Bibliotheken angewiesen ist.
Der Fokus meiner Recherchen liegt ganz klar auf Lebensumständen und nicht auf politischen Zusammenhängen. Ich liebe es, den Leser situativ zu entführen, ihn riechen und fühlen zu lassen und ihn durch Bilder in Bann zu ziehen. Die amerikanische Methode, dabei jedes Mauerstück zu beschreiben und die Personen im Detail zu abzubilden, liegt mir nicht. Meine Bilder werden durch das Weglassen von Information eindringlicher und fordern den Leser.
Das gilt auch für mein neues Buch. Ich wollte keine schottische Geschichte in allen Einzelheiten erzählen, das können andere viel besser. Ich wollte den Leser packen, in grobes Leinen hüllen und mit auf eine Reise nehmen.


Bitte erzählen Sie doch unseren Lesern ein wenig über Ihr neues Buch. Worum geht es, wer sind die Hauptfiguren in "Die Stunde der Seherin und was treibt sie an?"

"Die Stunde der Seherin" ist die Geschichte zweier Schwestern aus altem angelsächsischem Adelsgeschlecht - die eine soll den schottischen König heiraten, die andere riskiert ihr Leben um das der Schwester zu retten. Eine sehr dichtgewebte, spannende Geschichte um ein fluchbeladenes Psalmenbuch, und über Wege, die Geschwister füreinander gehen.


Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus? Schreiben Sie sozusagen am Stück mehrere Stunden lang an ihrem neuen Roman, oder entsteht er in kleineren Arbeitsschritten?
Wie viel Zeit benötigen Sie, um einen kompletten Roman fertigzustellen?

Jeder Schriftsteller hat so seine eigene Arbeitsweise. Ich bewundere zutiefst Disziplinschreiber wie Thomas Mann, der von 8-12 und von 14-16 geschrieben hat.
Ich selber arbeite sehr lange an einer Geschichte in meinem Kopf, ohne eine Zeile zu schreiben oder mir Notizen zu machen. Sie ist permanent bei mir, die Personen leben bei mir und ich gestatte mir keinen Urlaub von ihnen. Irgendwann fällt der Startschuß und dann fange ich an zu schreiben. Ich schreibe die Geschichte immer von vorne bis hinten, danach überarbeite ich ein- bis zweimal.
Je nach Aufwand der Recherche schreibe ich zwischen einem halben und einem Jahr.
Zwischen den Büchern braucht man eine gewisse Zeit, um Abstand zu gewinnen oder sich auch körperlich zu erholen. Gerade die Schlußphase eines Buches ist für mich physisch und psychisch immer zehrend.


Zurzeit sind historische Romane sehr gefragt auf dem deutschen Buchmarkt. Immer mehr wächst auch die Nachfrage an Titeln, die in deutschen Landen spielen. Was glauben Sie, ist das nur ein flüchtiger Trend oder scheinen die Deutschen mittlerweile Interesse an der eigenen Historie zu entwickeln?

Wie flüchtig der Trend sein wird, ist schwer vorherzusagen. Immerhin hält er ja schon eine ganze Weile an. Ich denke, die Welle der historischen Romane wird abflachen und irgendwann wiederkommen, weil den Menschen immer schon fasziniert hat, was "vor seiner Zeit" gewesen ist, und „lange davor“. Die Vergangenheit ist etwas Abstraktes, und ich glaube, gut erzählte Geschichten über diese Vergangenheit verhelfen uns zu mehr Bewusstsein, und vielleicht zu Antworten auf die Frage, wer wir eigentlich sind und wo wir herkommen.


Auch immer mehr Romanverfilmungen kommen ins TV. Etwa wie zuletzt "Die Wanderhure" oder "Die Säulen der Erde". Wie stehen Sie zu Verfilmungen von historischem Romanstoff im Allgemeinen? Schauen Sie auch gerne einmal so etwas an, oder bleiben Sie lieber beim Buch?

Wenn eine Romanverfilmung gut und vor allem authentisch gemacht ist, schau ich mir das gerne an. Mich stören Filme, die ein falsches Bild der Zeit suggerieren, aus Furcht, den Zuschauer zu vergraulen. Filmbilder sind ein Balanceakt: Man darf dem Leser/Zuschauer durchaus was zumuten, aber man darf nicht ins Horrorfach abgleiten, um eine vermutete Realität (meist des Mittelalters) in Bilder einzufangen.
Sollten meine Bücher mal verfilmt werden (was ich mir natürlich wünsche), würde ich großen Wert darauf legen, dass die Beschwerlichkeit des mittelalterlichen Lebens deutlich wird.


Wenn Sie einmal Zeit und Muße haben... was lesen Sie dann gerne? Haben Sie eine Lieblingslektüre oder auch ein Buch, dass Sie ihr Leben lang begleitet hat und Sie niemals abgeben könnten?

Ich hab recht wenig Zeit zum Lesen, weil ich viele Fachbücher lese und in meiner Freizeit lieber draußen bin. Ein Buch muss mich auf der ersten Seite schon fesseln, ich langweile mich leider sehr schnell und bin ein ungeduldiger Leser.
Mein liebster historischer Roman ist "Der rote Ritter" von Adolf Muschg - sprachlich einfach brillant. Lange Jahre begleitet hat mich „Palast der Winde“ von M.M. Kaye. Ich liebe auch die Geschichten und die poetische Sprache von Halldor Laxness.
Und niemals abgeben könnte ich die Bibel - da ist alles drin was man braucht: blutige und spannende Geschichten, Liebesgeschichten, Psalmen für die dunklen Stunden im Leben, Sprüche die Hoffnung geben oder zum Nachdenken anregen – ein sehr menschliches großartiges Werk, mit Zeilen für einfach jede Lebenslage, ob man nun praktizierender Christ ist oder nicht.


Können Sie uns schon etwas über Ihre nächsten Buchprojekte verraten? Gibt es bestimmte Settings, die Sie für kommende Buchprojekte reizen könnten?

Über die nächsten Projekte wird gerade verhandelt, daher möchte ich mich dazu noch nicht äußern.
Ich würde sehr gerne noch mal was über Island schreiben, die Kreuzzüge reizen mich, aber auch Krankheiten wie die Pest, die Lepra...


Vielen Dank für das nette Interview Frau Trodler und herzliche Grüße nach Island.

Quellennachweis

Photo: © Dagmar Trodler
Vita Autorin: Random House.de

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