Vita Ines Thorn
Ines Thorn ist eine der erfolgreichsten Autorinnen historischer Romane. Ihre Gesamtauflage liegt bei fast 300.000 Exemplaren. Schreiben ist ihre Berufung. Ines Thron ist in Leipzig aufgewachsen und lebt seit 1990 in Frankfurt. (Quelle: Rowohlt)
Frage und Antwort mit Ines Thorn
(Text: NG)
Liebe Frau Thorn, liest man die Biografie auf Ihrer Homepage, wird man, so ging es mir jedenfalls, gleich nach den ersten Zeilen amüsiert hängen bleiben.
Sie schreiben: "Die meisten Frauen in meiner Familie hatten rotgefärbte Haare und die meisten Männer schrieben Bücher. Als Kind dachte ich deshalb, erwachsen ist man, wenn man rotgefärbte Haare hat und Bücher schreibt. Doch bis es endlich soweit war, dass ich mit rotgefärbten Haaren Bücher schrieb, musste ich erst unbeschadet eine glückliche sozialistische Kindheit in Leipzig überstehen, Volksbuchhändlerin werden, heiraten, ein Kind bekommen und michscheiden lassen, ein Germanistik- und Slawistikstudium in Frankfurt am Main abbrechen und wieder heiraten, als Werbetexterin, Bibliothekarin und Korrektorin meinen Teil zum Haushaltsbudget beitragen und alle Welt davon überzeugen, dass das Schreiben nicht nur ein nettes Hobby ist, sondern mein vollster Ernst."
Wann stellten Sie fest, dass Sie gleich beides wollten bzw. hatten Sie auch schon zuvor Ambitionen was das kreative Schreiben angeht, gab es eine ausschlaggebende Situation, oder hat sich das Ganze zufällig ergeben?
Der eigentliche Auslöser für meinen ersten Roman war schlichtweg Wut. Ich arbeitete damals in der Bibliothek eines Frankfurter
Krankenhauses. Einer der Augenärzte dort fragte mich, warum die Ostdeutschen einfach keine guten Kriminalromane schreiben könnten. Vor lauter Empörung fiel mir als Erwiderung nur ein: Ich beweise das Gegenteil. Darauf wetteten wir um eine Kiste Champagner, die ich erhalten sollte, sobald mein erstes Buch erschienen ist. Naja, das war zwar kein Krimi, sondern ein Frauenroman, aber den Champagner habe ich trotzdem bekommen.
Sie begannen mit historischen Romanen!? Lagen Ihnen geschichtliche Ereignisse immer schon besonders am Herzen?
Nein, das ist nicht ganz richtig. Mein erster Roman, "Die Spiegeltänzerin", gehört zum Genre Frauenroman. Um beim zweiten, "Der Maler Gottes", hat mich auch eher die Figur des Matthias Grünewald gereizt. Aber durch diese Arbeit habe ich mich natürlich intensiv mit dem ausgehenden Mittelalter beschäftigt und dabei festgestellt, dass diese Zeit sehr viel Ähnlichkeit mit der heutigen hat. 1450 entwickelte Gutenberg den Buchdruck, 1492 entdeckte Columbus Amerika, die Renaissance in Italien stellte Werte in Frage und Pico della Mirandola formulierte in einer philosophischen Schrift zum ersten Mal den Begriff des "Ich", welches selbst entscheiden kann, "ob es zu einem Gott aufsteigen oder zu einem Tier entarten möchte." Heute kämpfen wir mit unserer Individualität und der Selbstverwirklichung, haben Internet und die Billig-Airlines. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Verunsicherung der Menschen im späten Mittelalter unserer zeitgenössischen Unsicherheit ähnelt. Und ich hoffe sehr, dass wir aus der Geschichte lernen können. Das allerdings ist eine Aufgabe der Wissenschaften.
Welche Zeitepoche(n) und historische Persönlichkeiten interessieren Siebesonders bzw. wen hätten Sie, falls das möglich gewesen wäre, gerne einmalpersönlich kennen gelernt?
Selbstverständlich Matthias Grünewald, aber ansonsten würde mich jede Person interessieren, die im 15. und 16. Jahrhundert gelebt hat. Für das 12. Jahrhundert wünsche ich mir sehr eine Begegnung mit Hildegard von Bingen. Der Alltag in einem Kloster interessiert mich brennend.
Bitten ergänzen Sie folgenden Satz: Das Schreiben ist für mich .....
Leben.
Einige Ihrer historischen Romane spielen in Frankfurt. Haben Sie einenbesonderen Bezug zu dieser Stadt?
Ich lebe seit zwanzig Jahren in dieser Stadt und fühle mich hier zu Hause. Da es in Frankfurt hervorragende Institute und Archive mit sehr engagierten Mitarbeitern gibt, ist die Recherche hier jedesmal eine ganz besondere Freude. Ich kann mir nicht vorstellen, über eine Stadt zu schreiben, zu der ich keine persönliche Beziehung habe, davon abgesehen, dass die Recherche sehr viel aufwändiger wäre.
Wie fühlt es sich für Sie an, wenn Sie nach einem langen Schreibprozess ihr neustes Buch in Händen halten? Ist für einen Autor jedes aktuelle Buch auch gleich das Beste?
Wenn man endlich das Buch in den Händen hält, ist der Kopf ja schon wieder mit neuen Projekten beschäftigt. Ich habe innerlich dann schon abgeschlossen mit dem Thema des neuesten Buches, bin aber unheimlich gespannt darauf, wie die Leser den fertigen Roman aufnehmen. Und nein, das aktuelle Buch ist bei mir nicht automatisch das Beste. Eigentlich eher das Gegenteil. Ich bin immer unsicher, ob ich meine Arbeit auch wirklich gut gemacht habe. Erst die Leser sagen mir, ob das auch der Fall war.
Vor ein paar Wochen ist Ihr neuer historischer Roman "Das Mädchen mit den Teufelsaugen" erschienen. Wie entstand die Idee dazu?
Es gibt da eine Frage, die mich vor einiger Zeit stark beschäftigt hat. Die Frage lautet: Ist man der, der man glaubt zu sein, oder ist man der, den die anderen in einem sehen. Mit dieser Frage habe ich mich in den Teufelsaugen beschäftigt. Eine Antwort habe ich jedoch nicht darauf gefunden. Zum Aussehen von Rosamund selbst bin ich durch eine Bekannte inspiriert worden, deren ungewöhnliche Augen mich seit Jahren faszinieren.
Eine große Rolle in der Geschichte über eine junge Frau mit verschiedenfarbigen Augen, die wegen Ihrer "optischen Andersartigkeit" von den Dorfbewohnern argwöhnisch "beäugt" wird, spielen Aberglaube und auch Religion in einer Zeit des Umbruches. Im Laufe des Buches tritt Matteo, eine sehr wichtige Nebenfigur des Romans, mit einem Geheimbund von "Freidenkern" in Kontakt. Ist dieser Bund reine Erfindung oder existierte er wirklich?
Dieser Bund ist eine hundertprozentige Fiktion. Allerdings ist bekannt, dass es zu dieser Zeit wahrhaftig sehr viele Bünde und Zusammenschlüsse gab. Die meisten davon entstanden um die Reformationszeit herum. Meiner Ansicht nach zeigt das auch die Unsicherheit der Zeit, den Abfall von der katholischen Kirche.
Sie haben die Gabe, historische Begebenheiten so bildhaft vordem geistigen Auge des Lesers entstehen zu lassen, dass sie das Gefühl bekommen, als Augenzeuge "live" dabei zu sein. So erging es mir jedenfalls. ;-) Als die Zigeunerin Tonia "gerichtet" wird, war ich allerdings auch ein wenig geschockt, wie gelassen aber sensationslüstern die Menschen in jener Zeit auf öffentliche Hinrichtungen und Gewalt reagierten. Glauben Sie, dass die Menschen von heute im Kern immer noch dazu neigen würden, sich von Gewaltspektakeln unterhalten zu lassen, oder sind wir mittlerweile klüger?
Oh, ich fürchte, wir haben uns in dieser Hinsicht nicht groß geändert. Und ich weiß auch gar nicht, ob es nicht einen Urtrieb des Menschen gibt, sich beim Anblick von Unfällen, Hinrichtungen usw. der eigenen Lebendigkeit zu versichern. Ihre Frage hat jetzt bei mir eine neue Frage aufgeworfen, über die ich erst noch nachdenken muss: Welchen Einfluss hat der Anblick von Gewalt?
Haben Sie literarische Vorbilder?
Oh, natürlich. Eine ganze Menge sogar. Es gibt Vorbilder, die mich schon mein ganzes Leben lang begleiten, und dann gibt es die, die ich für mich die "Saisonvorbilder" nenne. Derzeit lese ich gerade alles, was ich von John Irving bekommen kann. Das hat wohl etwas damit zu tun, dass ich im Mai in New Hampshire gewesen bin. Dann lese ich immer wieder gern Friederike Mayröcker, weil mich ihre Sprachbilder faszinieren. Dazwischen immer mal wieder einen Kriminalroman, in diesem Sommer Kathy Reichs.Ich mag die beiden Bücher von Uwe Tellkamp sehr gern und freue mich außerdem auf den neuen Roman von Jonathan Franzen.
Welches Buch liegt zur Zeit auf Ihrem Nachttisch?
Das neue Buch von Annette Pehnt.
Darf man erfahren, ob Sie schon Pläne für einen neuen Roman haben und wenn ja, wo und in welcher Zeit wird er spielen?
Es gibt mehrere Projekte, die mich derzeit beschäftigen. Sehr intensiv recherchiere ich derzeit in Nordhessen, denn dort gab es im ausgehenden Mittelalter eine regelrechte Vampirschwemme. Jedoch hießen diese dort Nachzehrer. Außerdem arbeite ich gerade an einem neuen Teil der "Verbrechen von Frankfurt", in dem es um medizinischen Kannibalismus geht.
Liebe Frau Thorn, herzlichen Dank für das interessante Interview.
Quellennachweis
Bild Ines Thorn: © Jochen Schneider