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Ab imo pectore von Nicole Gauert

1. Kapitel - Ab imo pectore

Sophie Grant seufzte leise. Schon wieder stand Weihnachten vor der Tür und wie jedes Jahr stellte sich die Frage, wo und vor allem mit wem sie das Weihnachtfest feiern sollte.
Im letzten Jahr hatte sie ihre Freundin Jane in London besucht und sehr viel Spaß mit ihr an den Feiertagen gehabt, doch seit einem halben Jahr war Carrie nun mit Sebastian zusammen und obwohl Carrie, Sophie auch dieses Jahr eingeladen hatte, verspürte sie nicht den Wunsch, als drittes Rad am Wagen die Zweisamkeit der beiden zu stören.
Seit dem tragischen Autounfall vor vielen Jahren, der die damals dreijährige Sophie fast das Leben kostete und sie zur Vollwaise machte, lebte sie bei ihrer Tante Aurelia, die sie streng aber liebevoll aufzog. Vor einem Jahr war die betagte alte Dame jedoch nach einer verschleppten Grippe überraschend gestorben und seitdem war Sophie nun ganz allein auf sich gestellt.

Sophie lebte immer noch in dem kleinen, aber gemütlichen Cottage in Dorset, das sie von Tante Aurelia geerbt hatte und in ihrer knapp bemessenen Freizeit widmete sie sich der Gartenarbeit, die ihr sehr viel Spaß bereitete. Schon immer zeigte Sophie großes Interesse an geschichtlichen Dingen und Antiquitäten. Hobbys, die sie mit Tante Aurelia verband. Das kleine Cottage war mit Möbeln, Tischen und Bildern, aus vergangenen Zeiten dekoriert und statt einer Heizung wärmte ein Kamin das heimelige Wohnzimmer. An den Wänden hingen gerahmte, leicht vergilbte Familienfotos und auf dem Fernseher, eines der wenigen neumodischen Errungenschaften der letzten Jahre und Zugeständnis an die moderne Technik, stand eine antike, goldene Uhr, die leise tickte.
Sophie seufzte erneut und beschloss den restlichen Nachmittag damit zu verbringen, den Dachboden zu entrümpeln. Eine Aufgabe, die sie schon sehr lange vor sich hergeschoben hatte.

Sie schlüpfte in ihre ältesten Jeans, entschied sich nach kurzer Überlegung für ein giftgrünes, kuscheliges Sweatshirt, das schon bessere Tage gesehen hatte und zog ihre bequemsten Sneekers an. Ihre honigblonden Haare, die bei ihrer Aufräumaktion offen eher hinderlich sein würden, band sie zu einem Pferdeschwanz zusammen und machte sich über die alte Holztreppe, die bei jedem Schritt bedrohlich knarzte, auf den Weg nach oben.
Auf dem Dachboden schaute sie sich zunächst einmal um. Überall standen mit Leinentüchern abgedeckte Möbel, Truhen und sogar ein altes Schaukelpferd das mit Spinnweben überzogen war. Sophie traten die Tränen in die Augen, denn dieses Schaukelpferd war einst ein Geschenk ihres Vaters gewesen. Liebevoll und gedankenverloren, strich sie über den braun lackierten Hals des Pferdes.
Sie blinzelte ihre aufsteigenden Tränen fort und bemerkte plötzlich neben dem Pferd eine kleine Kiste, die gleich neben der Wand stand und ziemlich alt aussah. Neugierig trat sie näher und schaute sich die Holzkiste genauer an. Sie war aus Eichenholz gefertigt und entweder die feuchte Luft oder der Zahn der Zeit hatten ihr so zugesetzt, dass das Holz schon leicht aufgequollen wirkte. Brüchige Lederriemen waren um die Kiste gewickelt und sollten anscheinend die Aufgabe des defekten Scharniers ersetzen. Sophie schaute sich um und entdeckte schließlich den Werkzeugkoffer, deren Inhalt ihr und Tante Aurelia in der Vergangenheit schon gute Dienste geleistet hatte. Dort nahm sie ein scharfes Messer heraus und trennte die Lederschnüre vorsichtig durch. Danach hob sie bedächtig den Deckel der kleinen Truhe an und staunte nicht schlecht, als sich ihr der Inhalt schließlich offenbarte. In der Truhe lagen alte Zeitschriften und ein in Leder eingebundenes, ziemlich verblasstes Buch.

Sophie schlug es vorsichtig auf und versuchte, die feine Schrift zu entziffern, doch durch den spärlich beleuchteten Dachboden fiel es ihr zu schwer, etwas davon lesen zu können und so legte sie das Buch zunächst zur Seite. Sie widmete sich dem Inhalt der Kiste erneut und fühlte etwas Weiches, Seidiges, in ihrer Hand. Dieser Gegenstand entpuppte sich schließlich als Samtbeutelchen. Allerdings war auch der Stoff im Laufe der Zeit ziemlich fadenscheinig geworden und zerfiel fast durch Sophies Berührung.
Vorsichtig steckte sie zwei Finger in das Beutelchen und erfühlte eine kleine, glatte und runde Dose im Innern. Neugierig zog sie die Dose heraus und öffnete sie. In dem Döschen lag auf Samt gebettet, ein kleiner, goldener Siegelring.
Sophie war überrascht. Wie konnte es sein, dass ein scheinbar echtes Schmuckstück auf den verstaubten Dachboden gelangt war? Interessiert stöberte sie nun weiter in der alten Holztruhe, doch außer alten Seidenhandschuhen und vergilbten Zeitungen schien die Kiste nichts mehr zu enthalten. Sehnsüchtig schaute Sophie auf den Ring und das in Leder gebundene Buch und beschloss sogleich, ohne einen Anflug schlechten Gewissens, ihre Aufräumaktion auf die nächsten Tage zu verschieben.

Sie begab sich zurück in das warme Wohnzimmer und legte den Ring und das Buch auf den Wohnzimmertisch aus rustikaler Eiche. Dann ging Sophie zunächst in die Küche, um sich Wasser für Tee aufzusetzen, und griff sich aus dem Vorratsschrank eine bunte Dose, die selbstgebackene Plätzchen enthielt. Kaum war das Teewasser fertig, trug sie alles zusammen in das Wohnzimmer und ließ sich auf das altersbedingt schon leicht abgenutzte, aber gemütliche Ledersofa nieder. Sie nippte an ihrer Tasse Tee, nahm den Ring in ihre linke Hand und schaute ihn sich näher an. Auf dem Ring waren zwei gekreuzte Schwerter, ein Wappen und die Jahreszahl 1815 eingraviert. Im Innern des Ringes stand eine lateinische Inschrift, die Sophie laut vorlas und gleich für sich übersetzte: „Ab imo pectore- von ganzem Herzen.“
Dann legte sie den Ring erst einmal zur Seite und richtete ihre Aufmerksamkeit auf das Buch. Vorsichtig schlug sie die mittlerweile vergilbten Seiten auf und begann den ersten Eintrag vom Februar 1815 zu lesen.

Chandler Hall, Axminster, Devon, 03.April 1815

Liebes Tagebuch,

es ist endlich wieder Frühling, alles grünt um mich herum, die Vögel zwitschern und bald werde ich verheiratet sein. Lord Gideon Blackley, ein Freund meines Bruders Richard, hat gestern im Park um meine Hand angehalten. Ach was bin ich aufgeregt! Nie hätte ich für möglich gehalten, dass ich ihm je etwas bedeuten könnte. Mutter und Vater wirkten ebenfalls sehr überrascht über Gideon Antrag, doch sie wussten schon immer, dass es mein sehnlichster Wunsch ist, seine Frau zu werden. Er ist so stattlich und galant und er hat ein gutes Herz. Sämtliche Damen des „tons“ werden mich um meinen gutaussehenden Verlobten beneiden und in vier Monaten schon, werde ich Lady Blackley sein. Liebes Tagebuch, ich könnte die Welt umarmen!


Chandler Hall, Axminster, Devon, 05. April 1815

Liebes Tagebuch,

heute bekam ich Besuch von Gideon, der meine Schwester Charlotte und mich zu einer Ausfahrt einlud. Wir fuhren nach Welton Park, schlenderten gemütlich durch das in der Nähe liegende Dorf und machten anschließend ein Picknick, denn es war mir gelungen Mrs. Dweezle unsere gute Seele in der Küche, einige Scheiben Braten, Brot, Obst, Pasteten und Wein abzuringen. Das Wetter war sehr schön und als Charlotte sich für einen Augenblick die Beine vertrat, (ich vermute ja, dass sie das absichtlich tat) schaute mir Gideon tief in die Augen und küsste mich leicht auf den Mund.
Sein Kuss war ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt habe. Ich kann mich noch daran erinnern, als wir Kinder waren und ich eine Wette, die ich mit Robert eingegangen war, verlor. Er verlangte von mir, dass ich Greeneye, unsere Kröte, die wir heimlich vor unseren Eltern und unserer unerbittlichen Zofe Mrs. Winterbottom, versteckten, auf das Maul küssen musste. Insgeheim schauderte mir davor, doch ich tat es mit zugekniffenen Augen und gespitzten Mund und nach meinem Kuss, der Greeneye dagegen scheinbar nicht berührte, sprang sie danach schnell aus meiner Hand und verschwand mit einem entrüsteten „Quack“ in unserem großen Teich “, (zum Leidwesen Roberts, der sich bis dahin den Bauch vor Lachen gehalten hatte).
Nicht dass ich mein Rendezvous mit der Kröte mit Gideons Kuss vergleichen möchte. Doch nun, ich hatte mir, wenn ich ganz ehrlich bin, den Kuss viel leidenschaftlicher vorgestellt. Oder wenigstens, dass mich seine zärtliche Berührung überwältigen würde, so wie es in den Liebesgedichten beschrieben steht, die Charlotte heimlich liest und in einem Geheimfach in ihrer Nachttischschublade, versteckt hält. Aber wahrscheinlich fehlt mir auch noch die Erfahrung. Ich sprach heute nach dem Dinner Charlotte darauf an, doch sie lächelte nur versonnen und sagte mir, ich müsse Geduld haben, denn es gäbe in der Liebe zwischen zwei Menschen noch viel mehr, als einen züchtigen Kuss. Nun gut, ich lasse das Thema zunächst auf sich beruhen , übe mich in vornehmer Zurückhaltung und widme mich meiner Stickarbeit, die es bitter nötig hat. (laut Mama)

Chandler Hall, Axminster, Devon, 10. April 1815

Liebes Tagebuch,

diesmal sind schon einige Tage seit meinem letzten Eintrag vergangen. Gideon, mein Verlobter hat sich nach unserem Picknick vor einigen Tagen, gleich im Voraus bei mir für seine baldige und längere Abwesenheit entschuldigt, denn das Landgut seiner Familie , das in Gloucestershire liegt, bedarf intensiver Aufmerksamkeit, seitens meines Verlobten. Seit dem Tode des Vaters, liegt Gideon das Anwesen sehr am Herzen und die geplante Pferdezucht nimmt scheinbar sehr viel seiner Zeit in Anspruch. Eintönigkeit und Langeweile habe aber auch ich im kommenden Monat nicht zu fürchten, denn meine Eltern haben beschlossen zusammen mit Charlotte und mir, für zwei Monate nach London überzusiedeln, da die Vorbereitungen für meine Hochzeit getroffen werden müssen. Ich bin schon sehr aufgeregt und freue mich, London mit all seinem Trubel und Vergnüglichkeiten wiedersehen zu dürfen.

London, 02.05. 1815

Liebes Tagebuch,

gestern sind wir wohlbehalten in London eingetroffen und ich sollte feststellen, dass mich meine positive Erinnerung, die mich stets begleitete wenn ich an London dachte, nicht getrogen hat. Natürlich ist die Landluft viel gesünder (so sagt Mutter immer) und es mag sein, dass die Umgangsformen mit dem Adel bei uns in Axminster etwas zwangloser gestaltet sind wie hier, doch für junge, vornehme Damen meines Alters bietet die Stadt London eine Menge an vergnüglichen Zerstreuungen. Neben Almacks, einer Einrichtung, in dieser sehr fashionable Bälle stattfinden, für die jungen Damen von Adel alles geben würden, um ein begehrtes „Billet“ zu bekommen, liebe ich auch die wunderbaren Theateraufführungen und die Spaziergänge in den Vauxhall Gardens. Obwohl ich die unterhaltsame und aufmerksame Art Gideons sehr vermisse, genieße ich jedoch auch meine letzten Wochen als unverheiratete Frau. Charlotte und ich haben uns heute bei Madame Lecourt, (die zur Zeit fashionableste Schneiderin in London) Stoffe für neue Kleider und dazu passende Accessoires wie Retikül, Weste und Peplos, gekauft. Vis a vis fanden wir einen kleinen Laden, indem wir weitere beeindruckend modische Accessoires für die Haare auswählten. Obwohl Mama und Papa uns immer dazu geraten haben, sparsam und redlich zu leben, hat mir unser kleiner Ausflug und unsere heutige kurzweilige Verschwendungssucht viel Vergnügen bereitet. Ich denke auch Charlotte ging es genauso wie mir. Die Ärmste! Seit ihr Ehemann bei einem Reitunfall vor zwei Jahren ums Leben kam, ist sie sehr still und in sich gekehrt. Nur sehr selten zeigt sie uns allen noch ihre humorvolle, vergnüglichere Seite, der Schmerz durch ihren großen Verlust ausgelöst, sitzt noch zu tief; auch wenn meine Eltern, Robert und ich alles versuchen, um sie aus ihrer momentanen Lethargie zu reißen.

London, 10.05. 1815

Liebes Tagebuch,

noch immer erhielten wir keine Nachricht von Gideon, obwohl er mir zugesichert hatte, mich über seine Fortschritte in Gloucestershire, seitens der Pferdezucht, auf dem Laufenden zu halten. Aber ich kenne ihn ja seit meiner Kindheit. Schon immer vergaß er die Zeit um sich herum, wenn er mit einer wichtigen Aufgabe beschäftigt war. Daher kann ich ihm auch nicht wirklich böse sein. Heute Abend werden wir einen Ball besuchen, denn unsere neu angefertigte Kleidung ist geliefert worden. Ich habe mich für ein weißes, mit feinen, goldenen Perlen besticktes Ballkleid und sehr langen, ebenfalls weißen Handschuhen entschieden. Anne, meine Zofe wird mir eines der kürzlich erworbenen Haarbänder in meine neue Frisur flechten und dazu werde ich eine leichte, goldene Kette tragen, die mir mein Bruder Robert zum sechzehnten Geburtstag den ich letztes Jahr beging, schenkte. Ich bin schon sehr aufgeregt und selbst Charlotte scheint sich von meiner Stimmung ein wenig mitreißen zu lassen, was mir sehr viel Freude bereitet.

London, 11.05. 1815

Liebes Tagebuch,

ich gestehe und das in aller Heimlichkeit, dass ich zutiefst verwirrt bin. Wie ich in dem gestrigen Eintrag ja bereits erwähnte, besuchten wir einen Ball bei Lord und Lady Witherby. Es waren neben den vielen, vornehmen und sehr elegant gekleideten Damen auch einige, Gentlemen des „ton“ geladen. Unter diesen Gentlemen war Sir Thomas Mulholland, ein Freund meines Bruders Robert. Er war vor einiger Zeit einmal Gast bei uns auf Chandler Hall, doch damals wirkte er sehr ernst und ruhig und obwohl ich mich damals sehr angeregt mit ihm über die Werke Jane Austens unterhielt, hatte ich ihn jedoch nach seinem Aufenthalt bei uns wieder in Gänze vergessen.
Er bat mich also gestern, seinen Namen auf meine Tanzkarte zu setzen. Natürlich willigte ich ein, denn es gibt doch nichts Vergnüglicheres, als auf einem Ball zu tanzen. Als er jedoch meine Hand nahm und mich auf die Tanzfläche führte, verspürte ich eine leichte Unruhe. Ich schaute zu ihm auf und als sich unsere Blicke trafen, durchfuhr mich ein seltsames Gefühl. Ich versuchte meine plötzliche Unsicherheit zu überspielen, doch es wollte mir zu meinem Leidwesen keine geeignete Konversation einfallen. Auch Sir Thomas schien es ähnlich zu gehen, denn auch er sprach während des Landers, kein Wort, sondern blickte mich nur an; ein Umstand, der mich an die Grenzen meiner plötzlichen Rastlosigkeit stoßen ließ.
Nach dem Ende des Tanzes brachte er mich wieder zurück zu Charlotte, schaute mich noch einmal an, lächelte und empfahl sich ohne ein Wort; nur mit einer Verbeugung und einem natürlich nur angedeuteten Handkuss. Wieso nur hat er mich um einen Tanz gebeten, wenn er scheinbar keine Konversation mit mir suchte? Und wieso habe ich mich in seiner Gegenwart so befangen gefühlt? Schließlich ist Sir Thomas doch ein sehr umgänglicher und sympathischer Mensch. Nun ja, wahrscheinlich geht mir Gideons sehr lange Abwesenheit doch sehr nahe. Hoffentlich kann er sich in Bälde wieder von seiner Aufgabe in Gloucestershire trennen und mich endlich wieder mit seiner Anwesenheit beehren...

Sophie blätterte amüsiert und gespannt eine weitere Seite des Tagebuchs um, doch die nächste Seite war leer. Seltsam, die Besitzerin des Buches hatte anscheinend nach ihrem letzten Eintrag die Lust am Schreiben verloren. Bedauernd zog sie die Stirn kraus, denn die Verfasserin der Einträge schien sympathisch zu sein und Sophie hätte zu gern gewusst, wie die Liebesgeschichte zwischen ihr und Gideon ausgegangen war. Wahrscheinlich war Gideon kurz nach dem letzten Tagebucheintrag doch überraschend in London eingetroffen und durch die Hochzeitsvorbereitungen und die Hochzeit selbst, geriet das Tagebuch schließlich in Vergessenheit. Interessiert schaute sich Sophie die Handschrift näher an. Die einzelnen Worte waren mit viel Druck und Schwung geschrieben worden. Scheinbar handelte es sich bei der Verfasserin der Zeilen um eine sehr lebhafte Person. Auch die Einträge selbst, deuteten darauf hin. Ob sie vielleicht eine Verwandte von ihr gewesen war?

Sie nippte gedankenverloren an ihrer Tasse Tee. Wie gern hätte sie auch so eine liebevolle und große Familie wie die Tagebuchschreiberin gehabt. Ihr Blick wanderte fast automatisch an die Wand, wo sich ein altes Hochzeitsfoto ihrer Eltern befand. Ihre Mutter Joan lächelte darauf ihren Vater Jack sehr verliebt an und auch er strahlte vor Glück. Keiner von ihnen konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass ihre Ehe nur von kurzer Dauer sein würde. Wie vergänglich waren doch Liebe, Glück und das Leben. Sophie versuchte ihre aufsteigenden, trüben Gedankengänge zu vertreiben und beschloss spontan ihre Freundin Kate anzurufen, um ihr von ihrem Fund auf dem Dachboden zu erzählen.

Das Freizeichen ertönte und kurz darauf hörte sie die Stimme ihrer Freundin, die sich mit einem leicht genuscheltem „Ja“, zu Wort meldete.
„Kate, habe ich Dich vielleicht gestört? Soll ich später noch einmal anrufen? Es ist nur, ich habe heute auf dem Dachboden etwas Interessantes gefunden... Aber wenn Du nicht magst, können wir auch später...“
Mit einem Schnauben, gefolgt von einem leichten Kichern wurde sie unterbrochen. „Sophie, Du glaubst doch wohl nicht, dass Du mich jetzt dumm sterben lassen kannst, nachdem Du mich so geködert hast. Also, schieß los, was hast Du gefunden?“
Sophie grinste verschmitzt. Genau das hatte sie mit ihrer vagen Andeutung auch bezweckt. „Ich habe mich heute entschlossen, endlich mal den Dachboden in Angriff zu nehmen“, sagte sie, wurde jedoch gleich wieder von Kate unterbrochen.
„Wie kommt das denn? Bist Du krank oder was ist los mit Dir? Muss ich mir Sorgen machen? Meine Freundin entscheidet sich freiwillig dazu, den Boden zu entrümpeln, ich glaube es nicht.“ Kate lachte erneut und auch Sophie fiel schließlich mit ein, denn alle Menschen in ihrem Freundeskreis wussten, wie sehr sie Aufräumarbeiten im Haus verabscheute.
„Na ja, mich hat mal wieder eine kleine Weihnachtsdepression erwischt und um mich abzulenken, kam ich auf diese spontane Idee.“
„Ach Sophie, es wird Zeit, dass Du mal wieder unter die Leute gehst. Du vergräbst Dich regelrecht in Deinem Haus und wenn man Dich mal rausbekommt, dann höchstens wenn irgendwo eine Antiquitätenversteigerung ist. Du, das müssen wir langsam mal wieder ändern!“
Sophie rollte entnervt die Augen und beschloss schleunigst den Redefluss ihrer Freundin zu stoppen. „Kate, möchtest Du denn nicht erfahren, was ich auf dem Dachboden gefunden habe?“
„Ja, ja, ich höre ja schon auf, es ist ja sowieso vergebens. Also dann schieß mal los. Ich bin ganz Ohr. Was für verborgene Schätze verbergen sich auf Deinem Dachboden?“
„Ich glaube Schätze trifft es ganz gut. Ich habe in einer Truhe ein altes Tagebuch gefunden und einen goldenen Siegelring. Der Ring ist auf jeden Fall echt.“
„Ein Ring und ein Tagebuch? Was glaubst Du wem diese Dinge gehört haben? Stand ein Name darin?“
„Nein, leider nicht. Im Ring war jedoch eine Gravur in Latein. Außerdem sind zwei Schwerter, ein Wappen und die Jahreszahl 1815 eingraviert.“
„Was für eine lateinische Inschrift stand denn in dem Ring?“
Sophie grinste. Das Interesse ihrer Freundin war endgültig geweckt. „Ab imo pectore. Übersetzt bedeutet es so viel wie „von ganzem Herzen“.
„Also scheint der Ring wohl ein Ehering zu sein, laut der Inschrift. Oder vielleicht auch ein Geschenk an eine Geliebte. In dieser Zeit haben die Menschen ja weniger aus Liebe geheiratet, sondern wollten in erster Linie eine gute Partie machen. Hast Du denn schon in dem Tagebuch gelesen?“
Ja, natürlich, Du kennst mich ja. Sie schmunzelte. Das Tagebuch wurde von einem jungen Mädchen geschrieben. Es sind nur sehr wenige Eintragungen darin enthalten. Soll ich es Dir vorlesen?“
„Ja sicher, jetzt will ich auch alles wissen.“

Zwanzig Minuten später seufzte Kate laut am Telefon auf. „Ach ja; abgesehen davon, dass die Frauen leider sehr wenig Rechte hatten und Ehen arrangiert wurden, muss London ja wirklich sehenswert gewesen sein. Nicht, dass ich gerne zu dieser Zeit gelebt hätte, aber wenn Zeitreisen doch einmal möglich wären, dann wäre ich einem Kurztripp in die Vergangenheit wirklich nicht abgeneigt. Schon allein, um mir einmal anschauen zu können, wie die Schneider in der damaligen Zeit gearbeitet haben.“
„Ich verstehe Dich gut, Schneiderlein, schließlich liebst Du Deinen Beruf ja über alles, doch mich würde weniger die Kleidung reizen. Wenn ich die Möglichkeit hätte, eine Zeitreise zu machen, würde ich wohl eher meine Familie aufsuchen. Wie sie wohl gewesen sind?“
„Ach Sophie, glaub mir, eine Familie ist nicht alles. Selbst wenn Du Geschwister hättest, heißt das nicht, dass sie Dir auch Rückhalt oder Liebe geben würden. Wenn ich an meinen letzten Streit mit Kit denke... Seitdem sind schon zwei Jahre vergangen und ich bereue es nicht eine Minute, dass ich den Kontakt zu ihm abgebrochen habe. Er hätte mich wieder und wieder ausgenutzt und ich bin heilfroh, dass ich es abgelehnt habe, bei der Bank für ihn zu bürgen.“

Die Sache mit Kates älterem Bruder Kit, hatte Kate damals sehr belastet. Sophie konnte sich noch gut daran erinnern, wie oft er bei Kate auftauchte und sich immer wieder Geld lieh, das er nie zurückzahlte. Er war ein hochverschuldeter, notorischer Spieler und als die Gläubiger ihn immer mehr bedrängten und ihr Geld zurück verlangten, hatte er Kate gebeten, für ihn zu bürgen. Doch Kate, die bis dahin immer wieder nachgegeben hatte, war diesmal standhaft geblieben und hatte den Kontakt zu ihrem Bruder nach diesem Vorfall endgültig abgebrochen.

„Na ja, dafür hast Du aber noch Deine Eltern und Mike, Deinen jüngeren Bruder.“
„Entschuldige Sophie, so habe ich das nicht gemeint. Natürlich ist eine Familie, die liebevoll miteinander umgeht wünschenswert, doch in jeder Familie gibt es auch Streit und nur weil man verwandt ist, heißt es nicht auch automatisch, dass man sich besonders mag. Egal! Lass uns wieder zum Thema zurückkommen. Was hast Du denn jetzt mit dem Ring und dem Tagebuch vor?“
„Ich weiß nicht, aber ich würde zu gern mehr darüber erfahren. Es muss doch herauszufinden sein, welche Familie in Chandler Hall gelebt hat. Warte, der Ort hieß Axminster und liegt in Devon. Vielleicht sollte ich mal im Internetcafe vorbeischauen? Vielleicht existiert Chandler Hall ja noch. Meine Familie wohnt ja schon seit ewigen Zeiten hier in Dorset, daher halte ich es eigentlich eher für unwahrscheinlich, dass sie eine Verwandte von mir ist, aber na ja, ausschließen kann ich es auch nicht und Familienfotos von früheren Generationen gibt es ja leider nicht mehr, da Tante Aurelias und Mutters Elternhaus, als sie noch Kinder waren, abgebrannt ist und somit alle Photoalben und sonstigen familiären Dinge ebenfalls vernichtet wurden.“
„Die Sache mit dem Internetcafe ist doch eine gute Idee! Vielleicht findest Du ja noch mehr Einzelheiten, auch zu den Bewohnern des Hauses heraus. Halte mich ja auf dem Laufenden, nachdem ich jetzt schon so viel weiß.“

Nachdem sich Sophie noch nach Kates Arbeitstag in ihrer kleinen Schneiderei erkundigt hatte, verabschiedete sie sich dann recht bald und beendete das Gespräch.
Wieder fiel ihr Blick auf das Hochzeitsfoto ihrer Eltern und anschließend auf den Ring. Für wen war wohl diese lateinische Inschrift bestimmt gewesen? Obwohl sie neugierig war, beschloss sie jedoch schweren Herzens erst am nächsten Tag zu recherchieren, denn das Internet-Cafe war um die Abendzeit immer sehr gut besucht und die Möglichkeit, einen noch freien Computer zu ergattern, war ziemlich hoffnungslos. Also machte sie den Fernseher an und blieb bei einem alten Doris Day und Rock Hudson Film hängen. Sie bekam davon jedoch nur die erste halbe Stunde mit, dann schlief sie auf dem Sofa ein.