Rezensionen

Ankes Bewertung 04 05 Sterne.png

Im November des Jahres 1874 überfällt die junge Mary Carolyn „Buster“ Ross den privaten Reisewagen des Bankiers DeGraffen Somervell und zwingt ihn mit vorgehaltener Waffe, seinen Safe zu öffnen. Bevor sie jedoch mit ihrer stattlichen Beute fliehen kann, fängt sie sich eine Kugel von besagtem Bankier ein.

Dabei ist ihr Glück im Unglück, dass es auch die James-Younger-Gang, unter der Führung von Jesse James, auf den Zug abgesehen hat. Anders als Mary weiß die Gang jedoch nichts von dem im Zug mitgeführten Reichtum. Nur das Bandenmitglied Clell Miller, der unfreiwillig Mary Carolyns Sprung aus dem Zug abgefedert hat, erfährt von ihrer Beute, stiehlt sie ihr und versteckt sie vor der Gang. Zuvor hat er jedoch Mary noch gerettet, ihre Wunde versorgt und sie zu einer Freundin geschickt, damit sie sich erholen kann.

Doch so einfach gibt Mary Carolyn nicht auf, schließlich sieht sie sich im Recht. Nicht nur, dass es ihr Überfall war, die Beute steht ihr auch zu. Den Kopf voller Mythen über das angeblich so romanische Leben von Outlaws verfolgt sie Clell und die James-Younger-Gang. Um ein Auge auf Clell zu haben und weil ihr das Abenteuer gefällt, will sie Mitglied der Bande werden. Nur Clell will nicht, dass sie sich weiter in illegale Machenschaften verstrickt. Als Mary Carolyn in ihrer Runde auftaucht, bleibt Clell nichts anderes übrig, als sie als seine Frau auszugeben, um sie zu beschützen.

Ich bin auf Rachel Davis „Stolze Liebe, wildes Land“ beim Aufräumen gestoßen und habe, nach einigem Herumstöbern im Buch, spontan beschlossen es fertig zu lesen. Das Buch wurde unter dem Originaltitel „My Outlaw“ im Jahr 1997 veröffentlicht und zwei Jahre später in der „Goldrücken“-Serie von Knaur ins Deutsche übersetzt.

Natürlich beinhaltet der Roman auch alle die verrückten und für die Zeit der Veröffentlichung typischen Nackenbeißer-Elemente, doch darüber hinaus verbirgt sich unter dem Titel eine interessante Geschichtsstunde, die mir die Jahre nach dem Sezessionskrieg (1861 bis 1865) in Amerikas Wildem Westen nähergebracht hat.

Die Autorin hält sich dabei historische Abläufe und Zeiten, nimmt sich jedoch bei den Charakteren ihre schriftstellerischen Freiheiten heraus. Doch viele ihrer Figuren haben historische Vorbilder, wie der Held der Geschichte, Cleland „Clell“ Miller. Dieser hat von 1849 (oder 1850) bis 1876 gelebt und galt ab 1871 als Mitglied der James-Younger Gang. Die Autorin hat ihm sogar seinen Schnurrbart auf den Leib geschrieben, wie er ihn auch in Wirklichkeit auf seinen post mortem Fotos getragen hat. Die Autorin hat sogar die Schusswunden der Gang den realen Abläufen entsprechend in ihre Geschichte eingebaut.

Vielleicht wegen all der historischen Details, denen hier Rechnung getragen wurde, wirkt die Geschichte mitunter ein wenig zu sehr in den historischen Kontext gepresst und ist deswegen mehr wie ein Abenteuer-Roman als ein Romance zu lesen. Trotzdem hat es die Autorin geschafft, alles in den Roman zu quetschten, was in einen dieser typisch verrückten Nackenbeißer um 1997 gehört; inkl. der kürzesten Liebesszenen, die ich je gelesen habe. Ob das positiv oder negativ ist, muss jeder für sich selber entscheiden. Fakt ist jedoch, dass dabei auch kleine Unregelmäßigkeiten und Widersprüche in der Geschichte gerutscht sind, die vermutlicher einem schlechten (oder keinem?) Lektorat zuschulden sind.

Was die Figuren betrifft, so hat die Autorin den Helden Clell Miller als einen erwachsen-denkenden Menschen dargestellt, der sich der Konsequenzen seines Tuns gewahr ist und längst erkannt hat, dass es Zeit ist, sich von dem Leben eines Outlaws zu verabschieden. Seinen (heimlichen) Ausstieg haben bisher jedoch seine Kumpane vereitelt und nun ist da Mary Carolyn, in die er sich verliebt hat und die er nicht mehr so einfach zurücklassen kann/will.

Als Heldin hat sich die Autorin eine naiv-junge Mary ausgedacht, die haarsträubende Spinnereien im Kopf hat, die sie nach eigenen Angaben in Groschenromanen gelernt hat. So kann man es vielleicht ihrer Jugend und Unerfahrenheit zuschreiben, dass sie Banküberfälle als großes romantisches Abenteuer ansieht. Wie Clell so milde sagt: auch er hat in seiner Jugend auch nicht die klügsten Entscheidungen getroffen. Meine Probleme mit Mary Carolyn konnte das jedoch nicht lösen, gab es doch immer wieder Momente, in denen ich sie nicht verstanden habe.

Clell hat alle Hände voll damit zu tun, Mary Carolyn vor sich selber zu schützen. Obwohl sie sogar zugibt, dass das ein Leben als Outlaw nicht so romantisch ist, wie sie glaubte, hält sie stur daran fest und ihre Bewunderung für die Banditen aufrecht. In einem historischen Kontext und der Verklärung von Outlaws, wie sie zb. auch um Belle Starr (Myra Maybelle Shirley) stattfand, die übrigens in Rachel Davis‘ Geschichte auch eine Rolle spielt, kann ich das alles gut verstehen. Nur für die Heldinnen meiner Liebesromane bin ich nicht so überzeugt davon.

Kurzgefasst: wer abenteuerlustig genug ist, sich an einen „old fashioned Romance“ zu wagen, eine kleine Schwäche für Western und (echte) Banditen-Geschichten hat und Spaß an diese verrückten Plot-Windungen hat, die so typisch für die Zeit, in der das Buch veröffentlicht wurde, dem sei dieser Liebesroman wärmstens ans Herz gelegt.